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Yannik Diebel - Dezember 2010
„Tjirumbu, Tjirumbu!“ Wer sich als fremder „Weißer“ (das ist die wörtliche Übersetzung des Otjiherero-Wortes) nach Okakarara (Okk) verirrt, der muss damit rechnen, von überall eben „Tjirumbu“ gerufen zu werden. Einen Großteil des letzten Jahres habe ich darauf verwendet zu versuchen, den Kids bei „steps for children“, aber auch allen anderen, die mir über den Weg gelaufen sind, beizubringen, dass der „Tjirumbu“ auch einen Namen hat.
Jetzt, wieder zurück in Deutschland, ertappe ich mich hin und wieder dabei, wie ich mich über all die „Tjirumbus“, die ich beim Einkaufen, in der Stadt oder in der Uni treffe, aufrege. Deutschland ist unpersönlich, distanziert und kalt (nicht nur, weil ich heute zum ersten Mal seit zwei Jahren Schnee geschippt habe)
Das war in Okk anders. Ein Jahr lang habe ich als Volontär über das „weltwaerts“-Programm des DED (Deutscher Entwicklungsdienst) bei „steps for children“ in Okk, Namibia mitgeholfen. „Steps for children“ kann man wohl am besten als ein Gemeindezentrum beschreiben. Die steps (Teilprojekte) sind vielfältig, reichen über eine Vorschule, eine Nachmittagsbetreuung, eine Suppenküche, ein Theaterprojekt bis hin zu einer Nähstube, einer Fahrradwerkstatt, einer Computerschule und einer unterstützten Fußballmannschaft. Für Chris, meinen Mitvolontär, und mich wurde es also selten langweilig. Unsere Kernaufgaben bestanden im Unterstützen der Lehrerinnen in der Vorschule, dem Trainieren einer Jugend-Fußballmannschaft und dem Proben mit den Theater-Schauspielern.
Eine Neuerung, die wir zum Schuljahr 2010 mit initiiert haben, ist die Nachmittagsbetreuung. Neben der Hausaufgaben Betreuung und dem Aufbauunterricht, der den Kindern im Rahmen dieses Programms angeboten wird, bietet die Nachmittagsbetreuung auch die Möglichkeit koordinativen Fähigkeiten während eines Sportprogramms zu verbessern oder während dieser Zeit zu basteln, zu malen oder einfach nur zu spielen.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie einfach es mir fiel, Deutschland zu verlassen. Das hat mit Sicherheit zu etwas Unverständnis bei Freunden und Familie geführt, auch wenn ich eigentlich immer von allen unterstützt worden bin. Ich habe allerdings nie daran gezweifelt, dass es keine bessere Möglichkeit geben könnte, seinen Zivildienst abzuleisten, als dies im Rahmen eines Freiwilligendienst in einem Projekt der Entwicklungszusammenarbeit zu tun. Als ich das Angebot vom DED bekam nach Okk zu „steps for children“ zu gehen, habe ich noch am selben Tag zugesagt. Die Palette der unterschiedlichen Projekte, die „steps“ ausmacht, hatte mich sofort davon überzeugt, dass auch ich die Möglichkeit haben würde, mich in eines dieser Projekte einzubringen.
Als wir dann Ende September im Auto unserer DED-Koordinatorin saßen und auf dem Weg von Windhoek nach Okk waren, wurde mir erstmals bewusst, wie riesig Namibia ist und wie groß die Entfernungen zwischen den einzelnen Städten sind. Wir bogen von der Hauptverkehrsader ab, um die letzten 80 Kilometer nach Okk in östliche Richtung zurück zulegen. Während das Wetter bis zu diesem Punkt sonnig und schön war, tobte über dem Waterberg und Okk ein fürchterliches Unwetter, auf das wir nun genau zusteuerten. Wie sich aber erweisen sollte, musste man dies nicht als böses Vorzeichen werten, denn wir wurden sofort von allen im Projekt (den Kindern, den Mitarbeitern, dem Management) herzlich aufgenommen. Wir bekamen Zeit uns in die neue Heimat einzugewöhnen und uns einen Platz im Projekt zu suchen, an dem wir mit anpacken konnten. Über das ganze Jahr hinweg hatten wir immer wieder die Möglichkeiten, Ideen einzubringen und umzusetzen, eine Chance, die in anderen Projekten nicht möglich gewesen wäre.
Auch die gesellschaftliche Integration wurde, trotz der schwierigen herero-deutschen-Geschichte, mit der Zeit immer besser. Mit der Idee in der neu gegründeten Fußballliga eine Mannschaft zu unterstützen und diese auch zu trainieren, war man zum selbstverständlichen Teil Okks geworden.
Die meisten Menschen hatten in der Zwischenzeit auch unsere Namen kennen gelernt, sodass das bis dato typische „Tjirumbu“ immer weniger zu vernehmen war.
Natürlich gab es auch einige Schwierigkeiten. Otjiherero ist eine Sprache, die mit keiner Sprache zu vergleichen ist, die man in der Schule lernen kann. Selbstverständlich lernt man schnell einige grundlegenden Worte und Redewendungen, aber ich kann nicht behaupten die Sprache im letzten Jahr wirklich gelernt zu haben, leider. Auf der anderen Seite wird man dadurch viel kreativer, verständigt sich mit den Kindern über Gesten und Mimik und auch das funktioniert. Es ist natürlich auch so, dass man mit grundlegend anderen Werten und Ansichten konfrontiert wird. Ohne jetzt wertend werden zu wollen, muss ich sagen, dass ich einiges, was ich im letzten Jahr in Okk nur schwer nachvollziehen konnte, jetzt, zurück in Deutschland, glaube besser verstehen zu können und teilweise sogar vermisse. Die Vorzüge, die es hat, Dinge auf sich zukommen zu lassen, ohne sie im Vorhinein bis ins kleinste Detail durchgeplant zu haben, erschließen sich mir zum Beispiel erst im Rückblick.
Überhaupt hatte ich mir meine Rückkehr anders vorgestellt. Bis knapp zwei Wochen vor meiner Ausreise war ich ähnlich unaufgeregt wie ein Jahr zuvor. Natürlich tat es mir Leid, die Kinder und das Projekt zurückzulassen, aber wirklich traurig wurde ich erst, als das Datum des Rückflugs in greifbare Nähe gerückt war. Im Gegensatz zu meiner Ausreise nach Namibia wusste ich nun relativ genau, was mich zu Hause erwarten würde. Natürlich sollte sich mit dem Beginn des Studiums einiges ändern und trotzdem mischte sich die Vorfreude mit einer Menge Bedauern, das letzte Jahr hinter sich zu lassen.
Wenn mich heute, knapp drei Monate nach meiner Rückkehr, Leute fragen, wie ich das letzte Jahr empfunden habe, komme ich nicht umhin, ihnen oder ihren Kindern zu raten, wenn möglich, auch einen Freiwilligendienst zu leisten. Ich habe mit Sicherheit viel Glück gehabt, bei „steps for children“ gelandet zu sein. Im letzten Jahr durfte ich viele Erfahrungen sammeln, habe im Projekt immer ein offenes Ohr gefunden und habe vor allem die Kinder in mein Herz geschlossen. Ohne jetzt in eine Lobhudelei zu verfallen denke ich, dass „steps“ eine tolle Arbeit in Okk leistet und gerade den Kindern wirklich eine gute Hilfestellung für einen guten Schulabschluss und somit besseren Chancen im späteren Leben gibt. Ich wünsche dem Projekt super viel Erfolg für die Zukunft, wünsche den beiden neuen Freiwilligen Philipp und Johannes, dass sie die gleichen schönen Erfahrungen machen werden wie ich und bedanke mich für die Möglichkeit, dass ich ein Jahr lang Teil dieses Projekts sein durfte.
Yannik Diebel, im Dezember 2010




