Juliane Scheller war zweieinhalb Monate für uns als Volontärin bei steps for children in Okakarara (Namibia) tätig. Eindrucksvoll schildert die 26 Jahre alte Logopädin aus Hamburg ihre Erfahrungen und Erkenntnissen, die sie während ihrer Zeit mit den Menschen in Afrika erlebte.

Also packte ich meine Tasche und nahm mir ein paar übliche Utensilien mit wie einen Spiegel, eine Handpuppe, Federn, Strohalme und dazu noch ganz viele weitere Therapieideen im Kopf. Schon auf dem Weg von der Hauptstadt Windhoek nach Okakarara, unterhielt ich mich mit unserer Projektleitung Sonja umfassend über die Logopädie. Sie erzählte und erklärte mir gleich einiges zu dem Projekt, dem Leben in Okakarara und von einem Jungen aus dem Projekt, der stottern würde. Nebenbei warf ich während der Fahrt immer wieder einen Blick aus dem Fenster und sah die faszinierende Natur meiner neuen Heimat auf Zeit, mit seiner unfassbaren Weite und dem einen oder anderen Warzenschwein. In Okakarara angekommen, lernte ich die anderen netten Volontäre Tabea, Anne und Paul kennen. Ich bezog mein Zimmer, richtete es mir gemütlich ein und gewöhnte mich schnell an unser vertrautes Haus. Für den Rest des Tages erzählten mir die anderen Volontäre von ihrem Alltag, der 7.000 Seelen Gemeinde, dem herzlichen Projekt und den Kindern.

Nach dem Wochenende meiner Ankunft startete nun also auch meine Arbeit im Projekt. Ich lernte meine neuen Kolleginnen und das Projektgelände kennen und sah vor allem lachende und glückliche Gesichter. Nachdem ich in den ersten Tagen viel Kontakt mit den Lehrerinnen hatte, ihren Unterricht begleitete und mir einen Überblick über die einzelnen Entwicklungsbereiche der Kinder verschaffte, startet ich dann mit der individuellen Sprachförderung. Dabei lag der Schwerpunkt natürlich auf der namibischen Amtssprache Englisch. Sie lernten die Vokabeln für Farben, Wochentage, Lebensmittel, Tiere und noch so einige weitere hilfreiche englische Worte mehr kennen.

Die Arbeit machte auf beiden Seiten Spaß, wie ich schnell merkte, da die Kinder allesamt engagiert und stolz auf ihre eigene Mappen waren, die wir anfertigten, versehen mit ihrem Namen und allen Arbeitsblättern, welche sie bearbeitet und gelöst hatten. Wir spielten Spiele um die Mundmuskulatur und die Zungenkraft zu fördern oder pusteten ganz kräftig nach Federn und kleinen Wattebällen. Dabei hatten die Kinder mit wenigen Dingen viel Freude und konnten meine Therapien zur Sprachförderung als unbeschwerte Zeit genießen.

Im Verlauf meines Volontariats war ich jeden Tag in einer anderen Gruppe unterwegs und hatte somit auch viel Zeit für einen tollen Austausch mit den Kolleginnen. Sie konnten mir Wichtiges über die Kinder, das Elternhaus und ihre Herkunft berichten. Darüber hinaus konnte ich wichtige Fragen stellen und in den Bereichen der Pädagogik und Kommunikation unterstützen. Der gezielte Austausch machte die Arbeit überaus angenehm und effizient. Man lernte die meiste Zeit viel voneinander. Manchmal waren meine Kolleginnen verblüfft, wie schnell und ohne großen Zeitaufwand, bestimmte Dinge erledigt werden konnten, wenn man das Problem genau kommunizierte, wie zum Beispiel Fragen nach Unterlagen die man in wenigen Minuten besprechen konnte. Im Gegenzug bewunderte ich die stressfreie Gelassenheit der einheimischen Pädagogen in manchen Situationen, da eine gewisse Ruhe in vielen Lösungsfindungen sehr förderlich sein kann.

An den Nachmittagen betreuten die Volontäre die Klassen 5, 6 und 7 mit ihren Hausaufgaben. Dabei ergaben sich immer wieder Gesprächsthemen wie Schule oder Studium, die Rolle einer Frau, aber auch die Themen Verhütung und HIV. Dabei wurde mir immer wieder bewusst, wie viel Verantwortung ich hatte und was ich den Kindern an Wissen und Denkweisen für die Zukunft vermitteln konnte. Es entstanden Freundschaften mit einer großen Vertrauensbasis. So saß ich zweimal in der Woche mit drei Mädchen aus der neunten Klasse zusammen – wir lösten ihre Hausaufgaben gemeinsam und sprachen über wichtige Themen des Alltags. Sie trauten sich nicht in der Schule mitzuarbeiten und mit ihren Lehrerinnen und Lehrern ins Gespräch zu kommen, da sich herauskrista-llisierte, dass sie Angst vor Autorität hatten und darum lieber nichts falsch machen wollten. Es war ein langer Weg für mich dieses Verhalten zu verstehen und ihre Blockaden zu lösen, ihnen das Selbstvertrauen und den Mut zu geben, welches sie brauchten. Doch zum Ende meiner Zeit in Okakarara wagten sie sich offenkundig Gespräche zu führen und selbstständig Fragen zu stellen, wenn sie etwas wissen wollten. Sie wurden selbstsicherer im Umgang mit Anderen und waren stolz darauf ein immer besseres Englisch zu sprechen.

In meiner Zeit als Volontärin ergaben sich regelmäßig Fragen über das Leben, die einzelnen Familien, bestimmte gesellschaftliche oder politische Strukturen und so manche Schicksale der Kinder. Für all das stand mir unsere Leitung Sonja immer wieder zur Seite. In jeder vorstellbaren Angelegenheit konnte ich mit ihrer Unterstützung rechnen, egal ob es Visum, Arztbesuche oder einfach ein paar aufmunternde Worte gewesen sind, wenn die Tage mal nicht so rosig waren. Es blieb stets ein gutes Gefühl, die Projektleitung mit offenem Ohr und helfenden Worten an seiner Seite zu wissen.

Während meiner zweieinhalb Monate bei steps for children in Okakarara erhielt ich äußerst verschiedene Einblicke in das Leben und den Alltag von Kindern in Namibia, die unterschiedlicher hätten nicht sein können. Kinder, die aufgrund von familiären Schwierigkeiten Sprachauffälligkeiten wie Stottern entwickelten, dabei doch eigentlich so wunderbar kommunizieren. Kinder, die sich nicht trauten zu sprechen, obwohl sie doch eigentlich so mutig und stark sind. Kinder, die durch ein Lächeln ihres Gegenübers, einer aufrichtigen Umarmung oder aufmunternden Worten mehr als getröstet werden konnten.

Ich bin überaus dankbar für die Zeit als Volontärin in Okakarara, da es mir unglaublich viel Freude bereitet, mich auf verschiedenste Art und Weise fürs Leben geprägt und mich sehr bereichert hat. Auf eine erfolgreiche Weiterführung des Projektes mit glücklichen, gesunden und selbstbewussten Kindern.

Herzlichen Dank für deine tolle Arbeit und wir wünschen Dir, liebe Juliane, alles Gute und weiterhin viel Erfolg auf deinem Weg!