Nathalie Rogg (rechts) hat uns im vergangenen Jahr 12 Monate in Okakarara unterstützt. Nun Blickt sie auf Ihre Zeit zurück…

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Nathalie, ein Jahr in Afrika… Diese Entscheidung trifft man wahrscheinlich nicht von heute auf morgen. Was hat dich dazu bewegt, dieses große Vorhaben in Angriff zu nehmen?

Ich hatte schon länger den Wunsch nach dem Abitur für längere Zeit in ein afrikanisches Land zu gehen, um dort einen Freiwilligendienst zu absolvieren. Ich wollte die Chance nutzen nach dem Abi erst einmal etwas Praktisches zu machen, ein neues Land kennen zu lernen und neue Erfahrungen zu sammeln.

Wir sind sehr froh, dass du den Weg zu steps for children gefunden hast, denn du hast dort tolle Arbeit geleistet. Wie bist du auf uns gestoßen? Was war ausschlaggebend für deine Entscheidung, das Jahr gerade in unseren Projekten zu verbringen?

Auf steps for children bin ich durch meine Entsendeorganisation GIZ (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit und Entwicklung) gestoßen. Online konnte man sich hier alle Projekte sortiert nach bestimmten Kriterien anschauen. steps hat mich vor allem durch seine Variabilität der Aufgabenbereiche überzeugt. Die Kombination aus sozialen und Einkommen generierenden Projekten stimmte mit meinen eigenen Vorstellungen überein. 

Wenn man als junger Mensch auf eine gänzlich neue Kultur trifft, erhält man zahlreiche neue Eindrücke, an die man sich zum Teil erst gewöhnen muss. Was war für dich persönlich das „Andere“ in Afrika? Was ist dir in der Eingewöhnungsphase besonders aufgefallen oder war dir auch fremd?

Das Andere in Afrika ist für mich vor allem die Mentalität der Menschen, die Kultur, das Wetter und besonders die Abhängigkeit vom Wetter, die Lebensumstände und die darin vorherrschenden Unterschiede sowie die andere Vorstellung von Werten. Die Fröhlichkeit der Menschen ist mir am Anfang am meisten aufgefallen. Den meisten Menschen stehen dort bedeutend weniger materielle Mittel zur Verfügung als einem Mittelständischen in Deutschland doch scheint der Großteil dabei viel glücklicher und zufriedener mit ihrem Leben zu sein als einige es hier in Deutschland zu sein scheinen. Das unterschiedliche Verständnis von Zeit fällt einem auch sehr schnell auf. Zeit ist relativ. So verwendet man beispielsweise in Namibia das Wort „now“ eher für eine Zeitspanne von bis zu mehreren Stunden anstatt für einen genauen Zeitpunkt. Wenn man wirklich „jetzt“ meint, sagt man mindestens „now now“, wenn nicht sogar „now now now“! Es bedarf einiger Zeit bis man sich an Dinge solcher Art gewöhnt. Besonders fremd war mir zu Beginn die Art zu kommunizieren. In Deutschland ist man es in der Regel gewohnt, direkt mit jemandem zu kommunizieren. In Namibia habe ich dies nur sehr selten erlebt. Indirekte Kommunikation ist hier sehr viel häufiger als direkte. Es ist nicht sehr einfach am Anfang mit so etwas klarzukommen, da man nie sicher weiß, wie man sein Anliegen jetzt am Besten dem Anderen mitteilen soll. Man versucht zu verstehen wie die Menschen denken, denkt dann nach einigen Wochen ja so langsam verstehe ich schon einiges, jedoch ist man immer noch nur in den Anfängen. Man lernt während eines solchen Jahres ganz bestimmt nie aus!

Du warst in Okakarara, dort wo die steps for children Arbeit ihren Anfang genommen hat. Wie hast du diesen Ort erlebt?

Ich habe Okakarara als Ort mit sehr offenen und hilfsbereiten Menschen erlebt. Ein Ort in dem Musik und Tanz allgegenwärtig sind, egal ob morgens, mittags, abends oder nachts. Ich habe die familiäre Atmosphäre in Okakarara genossen. Er war meine Heimat für 12 Monate, wo ich unter einfachen Verhältnissen, jedoch vollkommen ausreichend, gewohnt habe. Auch das Projekt selbst hat meiner Meinung nach in Okakarara einen guten Stellenwert.

Was genau waren deine Aufgaben in der Projektarbeit?

Im Projekt habe ich die Organisation/Verwaltung des Gästehauses und der Computerschule/Internetcafé übernommen. Im Gemüsegarten mit Olivenplantage habe ich jede 2. Woche morgens mitgeholfen und nachmittags war ich in der Nachmittagsbetreuung aktiv, wo ich vor allem die älteren Schülerinnen und Schüler (Klasse 4-6) bei ihren Hausaufgaben und dem Vorbereiten von Klausuren unterstützte.  In der Vorschule habe ich im sogenannten „Numberland“ die Lehrerinnen bei der Durchführung dieser Wochenstunden unterstützt. Wenn in der Suppenküche Not an der Frau war habe ich auch dort ausgeholfen. Am Wochenende haben wir gelegentlich ein „Kino“ organisiert, das für die ganze „community“ von Okakarara offen war.

Erzähl uns ein bisschen von deinem Alltag… Wo hast du gewohnt? Wie war das Essen?

Gewohnt habe ich direkt im Projekthaus, wo neben den zwei Zimmern für die Volontäre, einem Bad und einer Küche noch das Büro von Sonja (Projektleiterin) und der Computerraum untergebracht sind. Zu Essen gibt es viel Toast und Milliepap (Meisbrei). Milliepap wird morgens süß und mittags meist herzhaft mit Fleisch gegessen. Ansonsten gibt es ganz normal Maccaroni, Kartoffeln, Reis, … nichts Besonderes also. Die Hereros lieben es Fleisch zu essen. Nicht selten gibt es dort mindestens 2mal am Tag Fleisch. Auf der Straße kann man es den ganzen Tag über an kleinen Straßenständen, sogenannten „Kapanas“ kaufen.

Was ist für dich die wichtigste Erfahrung oder die bedeutendste Erkenntnis, die du durch deinen Einsatz als Volontärin gewinnen konntest?

Die Erfahrung einen kompletten Jahreszyklus in einem anderen Land zu leben, in einer zuvor völlig fremden Kultur, mit dir bis dahin fremden Menschen. Man lernt erstaunlich viel über sich selbst, über seine Möglichkeiten und Grenzen. Grenzen sind da um gebrochen zu werden, heißt es ja so schön. Und auch während meines Jahres wurden einige Grenzen gebrochen und neue aufgestellt. Eine der bedeutendsten Erkenntnisse ist für mich, dass man auch mit sehr viel weniger sehr viel glücklicher sein kann, als man in Deutschland oft denkt. Ich habe gelernt, nicht immer gleich an so vielem rumzunörgeln und sich aufzuregen über Verspätungen von 3min. Was macht es schon aus ob man jetzt 5min früher oder später ankommt. Man macht sich meiner Meinung nach in Deutschland unheimlich viel unnötigen Stress, den ich so in Namibia nicht, oder wenn nur sehr selten erlebt habe.

Und nicht zuletzt… erzähl uns doch bitte von dem für dich schönsten Erlebnis während deiner Zeit in Namibia.

DAS schönste Erlebnis von meinem Jahr gibt es nicht wirklich. Es sind mehrere gleichbedeutende Ereignisse. Man erlebt viel zu viel in so einem Jahr, als dass man ein schönstes Erlebnis festmachen kann.

Die Freude und Dankbarkeit der Kinder nach einem Wochenende, wo wir mit vereinten Kräften den Schulhof der Vorschule wieder auf Vordermann brachten und zusätzlich mit Hüpffeldern bereicherten, gehört beispielsweise zu meinen schönsten Erlebnissen. Die Aufregung der Kinder am Montagmorgen war so unglaublich groß, dass sie nur schwer zu bändigen waren. Ganz allgemein hat mich die Freude der Menschen vor Ort über die kleinen Dingen des Lebens während meiner Zeit in Namibia in den unterschiedlichsten Situationen am meisten beeindruckt.

Und nun bist du zurück – wie blickst du auf dein Leben und deine Zukunftspläne in Deutschland mit den neuen Erfahrungen?

Seit ich zurück bin in Deutschland haben sich meine Sichtweisen auf alltägliche Dinge deutlich geändert. Ich gehe bestimmte Situationen anders an, sehe Dinge aus meinem gewohnten Umfeld, die ich davor noch nie bemerkt habe und es fällt mir leichter Dinge, wie beispielsweise Bildung, nun vielmehr zu schätzen als vor meinem Auslandsaufenthalt. Ich nehme aus diesem Jahr sehr viele positive, wie auch einige negative Erfahrungen mit, die mich im Ganzen gesehen auf jeden Fall bereichern und mir auf meinem weiteren Weg nützlich sein werden oder zum Teil bereits schon sind.

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