Im Austausch mit der Autorin Erika von Wietersheim

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Im Austausch mit der namibischen Autorin Erika von Wietersheim

„Mein großer Wunsch ist es, dass die jungen Leute in Namibia nicht die Hoffnung verlieren.“

Wie kamst du auf diesen Buchtitel, was hat dich dazu animiert?​

Erika: Das Buch endet im Jahr 1990, mit dem Tag der Unabhängigkeit. Dieser Tag war ein Neuanfang, ein früher Morgen, der Beginn des neuen Namibia. Alle Weichen wurden neu gestellt, die Regierung, die Gesetze, das Zusammenleben. Deshalb der Titel „Guten Morgen, Namibia!“

Namibia ist ein an Kulturen, Naturschönheiten und Rohstoffen sehr reiches Land. Namibia fördert und exportiert Uran und Diamanten sowie große Mengen an Kupfer, Gold, Blei und Zinn. Namibias Demokratie gilt als stabil und das Land ist bei Touristen beliebt. Trotzdem ist die Ungleichheit groß. Bereits vor der Pandemie galten 40 % der Bevölkerung als arm. Viele Menschen hier im Westen können das nicht verstehen. Warum ist Armut in Namibia nach wie vor derart ausgeprägt?

Erika: Namibias Bevölkerung wächst sehr schnell und es gibt einfach nicht genug Arbeitsplätze. Vor allem, da es auch einen rasanten Zuzug in die Städte gibt. Und die Stadtverwaltungen sind völlig überfordert, genügend Wohnraum und Dienstleistungen wie Land, Wasser und Strom zur Verfügung zu stellen.

Namibia hat es auch bisher nicht geschafft, das gesteckte Ziel der Industrialisierung durchzusetzen, genügend Investoren anzulocken – durch günstige und transparente Bedingungen und gut ausgebildete Arbeitskräfte. Auch die wachsende Korruption spielt leider eine Rolle. Jetzt hoffen viele auf die Produktion von grünem Wasserstoff, der zunehmend in der ganzen Welt gefragt ist. Die Corona Pandemie hat leider zu größerer Armut beigetragen. Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren. Und zurzeit spielen die steigenden Lebenskosten auch eine große Rolle. Die steigende Inflation, auch in Namibia, macht sich leider immer bei den Ärmsten der Bevölkerung am schrecklichsten bemerkbar.

Was tut der Staat, um die Armut zu verringern?

Erika: Namibia tut mehr als man denkt:

  • Namibia ist eines der wenigen Länder in Afrika, das allen Einwohner*innen ab 60 Jahren eine staatliche Rente auszahlt (etwa 80 Euro pro Monat)
  • Ebenso den Kriegsveteranen, behinderten Menschen und schutzbedürftigen Kindern wie Waisenkindern
  • 2015 wurde sogar ein Armutsbekämpfungsministerium eingerichtet, das zwar strukturell nicht viel verändert hat, aber über längere Zeit über 10.000 städtischen Haushalten mit Lebensmittelbanken geholfen hat.
  • Namibia hat außerdem seit 1990 ein National School Feeding Programme in allen Regionen; 370.000 Schüler erhalten täglich eine warme Mahlzeit während der Schulzeit.

Auch so wichtige Projekte wie Steps for Children gehören zur Armutsbekämpfung dazu. Sowie die vielen kleinere Initiativen, die es von privater Hand innerhalb Namibias gibt.

Wie sieht es aus mit der Bildung in Namibia? Wird dafür von staatlicher Seite genügend getan? Wie wichtig ist Bildung für Namibias Zukunft? Und was sollte das Land noch an Bildung leisten?

Erika: Es gibt gute und schlechte Nachrichten: Namibia gibt viel Geld für den Bildungssektor aus und 98 % aller Kinder besuchen die Grundschule. Mädchen werden nicht benachteiligt, im Gegenteil es gibt sogar mehr Frauen an den Universitäten als Männer. Andererseits: Die Bildung selbst ist schlecht, die Lehrer nicht gut ausgebildet, die Schulen schlecht ausgestattet, es gibt nicht genügend Klassenzimmer. Knapp die Hälfte aller Schulkinder kann nach der 5. Klasse nicht vernünftig lesen, rechnen und schreiben. Dazu kommt die hohe Anzahl von Schulmädchen, die schwanger werden, was wiederum mit der Armut zusammenhängt. Die hohen Ausgaben für die Bildung scheinen also keine Früchte zu tragen. Die schlechte Bildung trägt auch dazu bei, dass 43 % der Jugendlichen arbeitslos bleiben.

Was wären Deiner Meinung nach die wichtigsten Schritte für das Land, die jetzt anstehen? Was würdest Du Dir für Namibias Zukunft wünschen?

Erika: Die konsequente Bekämpfung der Korruption, damit wieder Vertrauen in die Regierung entsteht. Es ist wichtig, dass sich alle Namibier, so wie es 1990 war, wieder gemeinsam für eine bessere Zukunft einsetzen. Autoritäten wie Politiker und Chiefs haben hier noch einen großen Einfluss als Vorbilder und wenn sie korrupt sind oder erscheinen, führ das zum Auseinanderfallen der Gesellschaft. 

Zweitens wünsche ich mir: Eine radikale Erneuerung des Bildungssystems, vor allem eine Investition in die Ausbildung der Lehrer. Lehrer und Lehrerinnen müssen lernen, dass sie den Kindern nicht nur auswendiggelerntes Wissen vermitteln sollen, sondern sie zum Denken und Nachdenken, zu Kreativität und Selbst- und Verantwortungsbewusstsein führen müssen. Aber um das zu erreichen, müssen die Lehrer es erst selbst lernen, denn sie sind durch ein Schulsystem gegangen, das ihnen genau das nicht vermittelt hat. 

Und ganz wichtig: Wir müssen den Jugendlichen in unserem Land Arbeit geben. Denn sie wollen arbeiten. Vor ein paar Tagen standen über 800 Menschen Schlange, da in einer Fabrik drei Arbeitsplätze ausgeschrieben waren. 800! Die Arbeitslosigkeit hat ja auch einen direkten Einfluss auf die Kriminalität, auf Alkoholismus, Drogenkonsum und die sehr hohe Selbstmordrate in Namibia. Am stärksten wünsche ich mir, dass die Menschen, besonders die jungen Menschen die Hoffnung nicht aufgeben.

Ich kenne einen jungen Mann, er kommt aus ärmlichsten Verhältnissen und arbeitet ab und zu bei mir im Garten. Ich helfe ihm den Führerschein zu machen, damit er bessere Chancen auf einen Arbeitsplatz hat. Riaan ist auch ein Dichter.

Hier sind ein paar Zeilen aus einem seiner vielen Gedichte, die er mir zeigt oder schickt:

Welcome to my life

After the morning prayer

I am staring at the sunrise

I am from the darker side of the globe

Still holding on to this rope of hope

I live good days in a sad life

My face plays the friendly

But there are problems piling up

Behind that cute smile.

I came a long way together with famine

And my pen bleeds the ink

Tears run while I write this…

(Nach dem morgendlichen Gebet, starre ich in den Sonnenaufgang/ich lebe auf der dunkleren Seite des Globus, aber ich halte fest am Seil der Hoffnung/ in einem traurigen Leben habe ich auch gute Tage, mein Gesicht zeigt sich freundlich aber hinter diesem netten Lächeln türmen sich die Sorgen/ schon lange lebe ich mit dem Hunger und aus meinem Stift blutet die Tinte und während ich dieses schreibe, fließen meine Tränen…)

Mein großer Wunsch ist es, dass die jungen Leute in Namibia nicht die Hoffnung verlieren. Dass sie das Seil der Hoffnung nicht loslassen. Aber wir, denen es besser geht, müssen dazu beitragen, dieses Seil zu stärken. Sie in Deutschland tun das auf jeden Fall für viele Kinder und Jugendliche mit Hilfe von Steps for Children.

Was sollten wir Deiner Meinung nach gedanklich mit nach Hause nehmen? Welche Botschaft möchtest Du uns abschließend mitgeben?

Erika: In Deutschland tut man viel für Namibia und das ist extrem wichtig. Aber es gibt auch Dinge, die man in Deutschland von Namibia lernen kann:

Nicht so schnell die Hoffnung verlieren Solidarität in schweren Zeiten der Pandemie und großer Not. Umgang mit Katastrophen wie Corona, Wassermangel, Dürre – man hilft sich gegenseitig, man packt an, man spart Wasser und diskutiert nicht über Waschlappen. Wenn es nicht genug Wasser gibt, spart man eben Wasser. Die meisten hier haben sowieso keine Dusche und waschen sich täglich mit dem Waschlappen. Und sind dennoch blitzsauber. Man wartet nicht auf den Staat, der alles richten soll, sondern hilft sich selbst, der Familie, den Freunden, so gut es geht. Es wird weniger geredet, angeklagt, gewartet auf Hilfe von außen oder staatlicher Seite.

 

Vielen Dank liebe Erika! 

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